MORITZ LIEBER MORITZ

  • Film DVD
  • deutsch
    91 Min.
    621709 DEnicht mehr im Handel

    Originaltitel: Moritz, lieber Moritz
    Regie: Hark Bohm
    Musik: Klaus Doldinger
    Darsteller: Michael Kebschull, Uwe Bohm, Dschingis Bowakow, Kerstin Wehlmann, Grete Mosheim, Kyra Mladeck, Walter Klosterfelde, Elvira Thom, Armand Hacaturyan, Nico Lafrenz, Richard Schumacher, Wolf-Dietrich Berg, Uwe Dallmeier
    Deutschland (West) 1977

    MORITZ LIEBER MORITZ

    Moritz sympathisiert mehr mit den Ratten als mit der Katze. In der Villa seiner gutbetuchten Hamburger Unternehmerfamilie fühlt sich das behütete, reiche Söhnchen eher wie ein überflüssiges Möbelstück. Der Vater hat die Firma kürzlich in die Pleite geritten. Jetzt löst sich alles auf. Der Hausrat verschwindet Stück für Stück, die Pfändungen machen auch vor Moritz Zimmer nicht Halt. Mofa und Stereoanlage werden fortgetragen. Der 15jährige ist empört, daß die Eltern sein Eigentumsrecht nicht anerkennen. Der Auszug aus dem luxuriösen Anwesen ist nur noch eine Frage der Zeit. Mit seinen Eltern kann der Junge nicht mehr vernünftig reden. Sie wollen den Verlust nicht wahrhaben, ihre Fehler nicht eingestehen. Vater und Mutter kapseln sich in Scheinwelten ab, zu denen die realen Alltagsprobleme ihres Sohns nicht durchdringen.
    Moritz einzige Vertrauensperson ist die eigensinnige Großmutter, die im Altenheim dahinvegetiert und nur noch ihr Leben beenden will und den Enkel bekniet, ihr eine Packung Schlaftabletten zu besorgen. Bei Oma kann sich Moritz aussprechen, beide fühlen sich von der Familie entfremdet. Außer ihm besucht niemand die Oma. Der Junge ist entrüstet über die respektlose Art, wie im Pflegeheim mit der alten Dame umgegangen wird.
    Im Kontrast zum Todeswunsch der Oma, mit dem er sich sehr intensiv auseinandersetzen muß, steht sein eigenes junges Leben, das gerade erst beginnt. Das blonde Mädchen, das in letzter Zeit immer auf dem Rad vorbeifährt, verdreht dem Teenager den Kopf. Liebesbenebelt verfolgt Moritz sie Tag für Tag durch die halbe Stadt. Barbara singt im Kirchenchor. Das bringt Moritz auf die Schnapsidee, mit seinem Jazzsaxophon dort mitmachen zu wollen. Kein besonders guter Plan, außer daß der hübsche Junge damit todsicher Barbaras Aufmerksamkeit gewinnt.
    In der Hafengegend läuft Moritz mit seinem Instrument zufällig in eine Gruppe von Jugendlichen, die zusammen in einer Blues Band spielen. Diese Jungs sind aus weniger wohlhabenden Verhältnissen, aber bei ihnen fühlt sich Moritz bald am richtigen Platz, obwohl die St. Pauli Jungs anfangs Vorbehalte gegen den reichen Schnösel aus der noblen Elbchaussee haben. Die Musik verbindet, beim gemeinsamen Rocken fallen die Klassenunterschiede. Gitarrist Uwe kennt auch keine Berührungsängste, er freundet sich sofort mit Moritz an.
    Zu Hause steht Moritz im Spannungsfeld zwischen den emotional gleichgültigen Eltern, von denen er sich permanent unverstanden fühlt, und der zu Besuch weilenden frivolen Tante, die den schüchternen Teenager genüßlich mit körperlichen Reizen lockt.
    Auch mit Barbara kommt Moritz schließlich zusammen. Seine Ausdauer zahlt sich aus. Zwischen den erdrückenden Problemen in Schule und Elternhaus erfährt der Junge mit seiner ersten Liebe Momente des Glücks. Alles scheint gut zu werden. Bei einem Auftritt mit der Band will Moritz seiner Freundin gefallen. Doch die Gespenster aus der Umgebung, aus der er zu entfliehen versucht, verfolgen ihn. Bis er sich von den Fesseln seiner Schwierigkeiten befreien kann, muß Moritz noch einige Kämpfe ausfechten...

    In seinem ersten Hamburger Jugendfilm "Nordsee ist Mordsee" beschrieb Hark Bohm 1976 die Lebenswelt von Kindern aus dem unteren Sozialmilieu der Großstadt, wo Gewalt und Kriminalität schon früh die Heranwachsenden prägen. "Moritz, lieber Moritz" blickt hinter die marode Fassade des gehobenen Bürgertums. Eine Welt der Selbsttäuschung wird offenbar, die dem 15jährigen keine Identifikation ermöglicht. Der intelligente Junge findet den Sinn in diesem Lebensstil aus Schein und vorgetäuschter Ordnung nicht.
    Moritz beginnt dagegen zu rebellieren, daß in der Schule unfähige Pädagogen ihre Selbstbefriedigung betreiben. Faul ist Moritz nämlich nicht, er will lernen und Zusammenhänge verstehen. Wenn aber schlechte Lehrer den Stoff nicht richtig vermitteln können, kommt Moritz nicht mit. Dieser Mißstand ist symptomatisch für das Scheitern des selbstverliebten westdeutschen Gesellschaftsmodells. Millionen keinesfalls dummer Schüler wurden in den 1970/80er Jahren zu Versagern degradiert, weil die Lehrer unfähig waren und die Eltern in ihrer blinden Autoritätshörigkeit den Kindern an schlechten Noten die Schuld gaben und auch noch kräftig nachtraten. Sozialfilmer wie Hark Bohm sprachen wie hier in der Geschichte von Moritz das Problem erstmals offensiv an.
    Moritz entwickelt erschreckende Gewaltfantasien, um seinem aufgestauten Ärger gegen die Ungerechtigkeit ein Ventil zu verschaffen. Auf seinem Weg der Selbstfindung heraus aus den nicht funktionierenden Verhältnissen seiner sozialen Herkunft teilt Moritz Befreiungsschläge unterschiedlichster Art aus. Der Jugendliche fängt an, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und dabei auch zum Tod Stellung zu beziehen.
    Regisseur Hark Bohm führt den Zuschauer in seiner intensiven Beobachtung des Hauptcharakters in die Tiefe des Gefühlslebens eines Jungen in der Adoleszenzkrise. Damit setzte er für das soziologische Jugenddrama neue Maßstäbe. Die aufgezeigten inneren Prozesse in der Phase des Erwachsenwerdens in der modernen Gesellschaft sind an sich zeitlos. Die klare, poetische Ästhetik, mit der der junge Darsteller Michael Kebschull ins Bild gesetzt wurde, macht "Moritz, lieber Moritz" zu einem der schönsten Klassiker des Jugendfilms. (Pino DiNocchio)



    621709 DE - mit Wendecover -
    Tonspur: Deutsch
    Untertitel: keine
    Länge: 91 Min.
    Bild: 4:3 Vollbild 1:1.66
    Extras: Wendecover, Presseheft als PDF


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