DER DIE ZEICHEN LIEST

  • Film DVD
  • deutsch + russisch
    113 Min.
    661411 DE

    Originaltitel: (M)uchenik
    Filmlänge: DVD 109 Min. ohne Abspann
    Regie: Kirill Serebrennikov
    Musik:  
    Darsteller: Pyotr Skvortsov, Aleksandr Gorchilin, Viktoria Isakova, Yuliya Aug, Aleksandra Revenko,
    Rußland 2016

    DER DIE ZEICHEN LIEST - (M)uchenik

    Seine Mutter rätselt, weshalb ihr Sohn Benjamin auf einmal nicht mehr am Schwimmunterricht teilnimmt. Ist es dem Jugendlichen vielleicht unangenehm, sich in der Umkleide vor Gleichaltrigen nackt zu zeigen? Hat er unkontrollierte Erektionen? Damit hat es nichts zu tun. Es verletze seine religiösen Gefühle, erklärt Venya der verblüfften Mutter. Er will sich nicht bis auf die Badehose entblößen, und vor allem stört er sich am Anblick der Mädchen in Bikinis. Das sei höchst unanständig, zitiert der Schüler aus Texten in der Bibel. Venya erkennt Sodom und Gomorrha in der Freizügigkeit der modernen russischen Gesellschaft. Es ist der reine Horror, den die Worte der biblischen Schriften entfesseln. Wenn ein nach Orientierung suchender Heranwachsender diese Unsinns-Poesie wörtlich versteht und dadurch zum Fanatiker wird, ist das kein Wunder. Venya malt düstere apokalyptische Visionen. Er nervt seine Mitmenschen damit, daß ihnen wegen ihres lasterhaften Lebenswandels die Hölle drohe. Der aufmüpfige Teenager zieht eine Show nach der anderen ab. Auch die orthodoxe Kirche mit ihrer Überheblichkeit und ihrem Pomp lehnt er ab. Venyas Bibelfanatismus kommt zu einer unheiligen Allianz mit der homophoben Diktatur des Putin-Regimes.
    Der Schüler sprengt den Sexualkundeunterricht mit provokanten Theatereinlagen. Der hinkende Grischa, der von den Mitschülern gemobbt wird, ist der einzige, der Venya bewundert. Für Venya ist der naive Junge ein perfektes Opfer, das er für seine durchgeknallten Ideen instrumentalisiert. Venyas Rebellion läßt den Disput zwischen der aufklärerischen Biologielehrerin und der konservativ opportunistischen Direktorin offen ausbrechen. Die Lehrerin Elena Krasnova setzt sich als einzige gegen den Wahn zur Wehr, daß ein einzelner Schüler mit seinem Psychoterror die ganze Schule zum Einknicken bringt. Bikinis werden untersagt; Kondome aus der Sexualkundestunde gestrichen; das monströse Kreuz, das Venya in der Aula aufhängt, traut sich niemand zu entfernen. In der Bibel sucht Elena nach Gegenargumenten, um Venya mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Dabei überwirft sie sich mit ihrem Lebensgefährten ebenso wie mit dem Kollegium. Sie wird zum Opfer einer unausgesprochenen Verschwörung...

    Alle verstecken sich hinter Venyas Hetze gegen homosexuelle Menschen, wenn sie seinen polternd vorgetragenen Forderungen nachgeben. Insgeheim sind sie in der Schule froh für den Vorwand, unter dem sie die wissenschaftlichen Fakten aus dem Unterricht zugunsten einer reaktionären Moral verbannen können. Sexuelle Toleranz, Verhütung, Scheidungsrecht, Evolutionstheorie - das Christentum liefert perfektes Werkzeug, um all das auf den Scheiterhaufen zu befördern. Ganz im Sinne des Staatsapparats unter dem schwulenfeindlichen russischen Präsidenten Putin inszeniert sich der bibeltreue Jugendliche als neuer Heiland und zieht gegen Wissenschaft und Demokratie in den Kreuzzug. Und überhaupt fegt der Totalitarismus der Religion freiheitliche Gedanken von Selbstbestimmung und Wahrheit hinweg.
    Das satirische Drama des in Rußland unter Hausarrest stehenden Regisseurs Kirill Serebrennikov entlarvt mit komödiantischer Tragik die Scheinheiligkeit in Putins christlich-orthodoxem Reich. Ausgerechnet die Kirche steht Pate für ein Zurückdrängen von Meinungsfreiheit und Persönlichkeitsrechten. Grischa erklärt sich zu Venyas Jünger, allerdings hat der arme Kerl dafür einen ganz anderen Antrieb als den Glauben. Die Konsequenzen sind fatal. Die Bibel liefert mit ihren brutalen Versen von Repression, Verbot, Folter und Totschlag gegen alles Andersdenkende Zündstoff für menschenverachtende Aggression.
    Das Wortspiel im russischen Filmtitel ist nicht übersetzbar: Uchenik bedeutet Schüler, Muchenik bedeutet Märtyrer. So wurde der Film in einigen Ländern mit dem einen Begriff und in einigen Ländern mit dem anderen Begriff betitelt. Der deutsche Verleih hat sich einen ganz neuen Titel ausgedacht. (Pino DiNocchio)



    661411 DE
    Tonspur: Deutsch / Russisch
    Untertitel: D
    Länge: 113 Min.
    Bild: 16:9 Widescreen 1:2.35
    Extras:  
    - minus - Covermotiv mit Zensurzeichen überdruckt


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