NICHTS MEHR WIE VORHER

  • Film DVD
  • deutsch
    93 Min.
    670799 DE

    Originaltitel: Nichts mehr wie vorher
    Regie: Oliver Dommenget
    Musik:  
    Darsteller: Annette Frier, Götz Schubert, Jonas Nay, Elisa Schlott, Jonathan Jacobsson, Robert Dölle, Bernadette Heerwagen, Gerrit Klein, David Hürten
    Deutschland 2013

    NICHTS MEHR WIE VORHER

    In den Flußauen des Niederrhein wird an einem Wintermorgen die Leiche eines elfjährigen Jungen gefunden. Der kleine Fabian wurde vergewaltigt und brutal totgeschlagen. Die Ermittler sind erschüttert und angewidert von der abscheulichen Tat. Man will den Kindermörder so schnell wie möglich fassen.
    Zeugenhinweise führen zu einem Jugendlichen, der zur angenommenen Tatzeit mit Kapuze verhüllt in der Ufergegend herumgeschlichen war. Dieser wird als der 16jährige Schüler Daniel Grundmann identifiziert. Ein Polizeikommando rückt vor dem Haus der Grundmanns an. Daß Daniel bei der Festnahme zu flüchten versucht, macht keinen guten Eindruck. Die Familie ist völlig überrumpelt. Bei der Hausdurchsuchung wird jede Menge belastendes Material beschlagnahmt. Beim Verhör verliert sich Daniel in falschen Aussagen und Widersprüchen. Kein Wunder, ist der Jugendliche doch für diesen Fall völlig unvorbereitet.
    Ein schwulenfeindlicher Mitschüler von Daniel beobachtet zufällig dessen Festnahme. Er verbreitet die Nachricht mit einem Video über Communities im Internet. In Windeseile kocht in der Stadt die Stimmung hoch. Familie Grundmann wird terrorisiert. Ein wütender Mob verlangt vor dem Polizeipräsidium die Auslieferung des schwulen Kindermörders. Die Presse belagert wie blutrünstige Hunde die Familie und deren Umfeld. Ganz schlimm ist das für Daniels kleinen Bruder Theo.
    Vater Uli beginnt an der Unschuld seines Sohns zu zweifeln, als er in Daniels Zimmer Schwulenmagazine und auf dem Computer Links zu entsprechenden Websites findet. Daniel ist fassungslos über die ungeheuerlichen Vorwürfe. Vor allem ist der 16jährige verzweifelt, daß sein eigener Vater ihm zutraut, er würde sich an kleinen Jungen vergehen.
    Mutter Claudia stellt sich schützend vor ihren Sohn. Sie blockt Ulis Sorge über Daniels schwule Fantasien ab. Sie macht den Eindruck, als wisse sie davon mehr als Uli und Daniel ahnen. Mütter von schwulen Jungen wissen üblicherweise immer etwas, sie besitzen dafür einen untrüglichen Instinkt, aber sie schweigen. Innerhalb der Familie spielt sich ein Psychodrama ab. Wut und Zweifel, Entsetzen und Solidarität kämpfen miteinander.
    Schwester Emma verteidigt ihren Bruder in der Schule energisch gegen die infamen Vorverurteilungen. Auch Theo steht voll zu seinem Bruder.
    Die Situation wird für die Grundmanns unerträglich. Sogar nach der Flucht in ein Hotel ist die Familie nicht sicher. Dann kommt eine überraschende Wende. Die Ermittler stoßen auf einen anderen Tatverdächtigen, dem sie die Tat nachweisen können. Daniel wird für unschuldig erklärt und aus der U-Haft entlassen. Sein Leben und das seiner ganzen Familie ist ruiniert!

    Als spannender Krimi inklusive Familiendrama, dramaturgisch gut gemacht und solide inszeniert, bleibt der Film ohne Sentimentalitäten konsequent beim Fall. Das gesamte Ensemble spielt beeindruckend intensiv. Obwohl er schon deutlich über 20 ist, gelingt es dem Jungschauspieler Jonas Nay einmal mehr, wie ein 16jähriger auszusehen.
    Angelehnt ist die Sache mit dem Mob, der sich über das Internet organisiert und den Verdächtigen lynchen will, an einen wahren Fall, der sich 2012 in Emden zugetragen hat. Dort allerdings hatte ein Mann ein Mädchen mißbraucht und getötet. Im Film kommt noch eine homosexuelle Komponente dazu. Das verändert die Geschichte total, weil es den Fokus auf die kategorische Kriminalisierung von Homosexualität setzt. Der Mob hetzt nicht nur vorverurteilend gegen einen Kindermörder, sondern mit besonderer Betonung gegen einen Schwulen. Als wären Schwule per se Kindermörder. Niemand würde auf die Idee kommen, alle Heterosexuellen pauschal als Kinderschänder abzuurteilen, nur weil ein einzelner Mann sich an einem Mädchen vergangen hat. Nicht daß es nicht erlaubt wäre, schwule Sexualdelikte zu thematisieren; die Produzenten dieses Films müssen sich aber mit dem Vorwurf auseinandersetzen, hier eindeutig eine diskriminierende Tendenz zu verbreiten und auf populistischen Parolen zu reiten. Für Mord kann es keinerlei Toleranzgrenze geben. Mithin stellt aber der Film sexuelle Kontakte unter heranwachsenden Jungen mit einem Mord nahezu gleich, und solch eine Form der Kriminalisierung jugendlicher Sexualität kann auf keinen Fall hingenommen werden. Auch wenn noch immer Teile der Bevölkerung Teenagern in der Pubertät jedes Recht auf selbstbestimmte Sexualität streitig machen und jede sexuelle Aktivität bei Minderjährigen kategorisch nur als sträflichen Mißbrauch definieren, darf so eine menschenrechtswidrige Haltung in einem Film nicht unwidersprochen bleiben.

    Ein wegen fahrlässiger Ermittlungsarbeit voreilig zu Unrecht eines schweren Verbrechens Beschuldigter wird durch eine Hetzkampagne im Internet dem Rufmord ausgesetzt. Schuld an der Tragödie ist aber gewiß nicht das Internet und die online Communities. Diese Kommunikationswege existieren unwiderruflich, und sie sind kaum kontrollierbar. Schuld an dem Skandal ist allein die Polizei, die durch ihre indiskrete Vorgehensweise den fälschlich Verdächtigten der Öffentlichkeit ausgeliefert hat. Genau an dieser Stelle wird klar: Die Behörden müssen sich hier bewegen, sie müssen sich an die veränderte Realität anpassen und entsprechend deutlich diskreter arbeiten. Es ist im Zeitalter der blitzschnellen medialen Massenkommunikation nicht mehr akzeptabel, daß Verdächtige, denen noch keinerlei Schuld nachgewiesen ist, in aller Öffentlichkeit von der Polizei festgenommen und dann auch noch mit voller Identität der Presse präsentiert werden. Die Notwendigkeit einer sehr viel diskreteren Vorgehensweise erfordert zugleich die Erfindung ganz neuer Formen der Kontrolle, denn wo eine Festnahme zum Schutz des Betroffenen vor der Öffentlichkeit abgeschirmt wird, muß zwingend eine andere Art demokratischer Überwachung solcher Maßnahmen eintreten. Das ist eine große Aufgabe für den Rechtsstaat. Das ist das wirkliche Thema. Das jedoch transportiert der Film nicht. (Pino DiNocchio)


    670799 DE - mit Wendecover -
    Tonspur: Deutsch
    Untertitel:  
    Länge: 93 Min.
    Bild: 16:9 Widescreen 1:1.78
    Extras: Wendecover


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