LAUF JUNGE LAUF

  • Film DVD
  • deutsch + polnisch
    103 Min.
    694441 DE

    Originaltitel: Lauf Junge Lauf
    Filmlänge: DVD 98 Min. ohne Abspann
    Regie: Pepe Danquart
    Musik: Stéphane Moucha
    Darsteller: Andrzej Tkacz, Kamil Tkacz, Elisabeth Duda, Rainer Bock, Jeanette Hain, Ryszard Podkalicki, Bogdan Koca, Wieslawa Wesolowska, Miroslaw Baka, Przemyslaw Sadowski, Natalia Wajs, Golo Euler, Itay Tiran, Krzysztof Porowski, Franciszek Wielkoszynski, Szymon Kurylo, Jacek Wojciechowski, Jasper Hufschmidt-Morse, Krystian Jordan, Franciszek Gajda
    Deutschland / Frankreich / Polen 2013

    LAUF JUNGE LAUF

    In der Wildnis der polnischen Urwälder kämpft sich ein kleiner Junge mit überirdischem Überlebenswillen durch die Kriegsjahre. Alles aus seinem noch so jungen Leben mußte er hinter sich lassen. Seine Familie, seinen Namen, seine Heimat, seine Identität. Nur eines darf Srulik niemals vergessen: daß er ein Jude ist. Das hatte sein Vater dem 8jährigen Sohn noch eingeschärft, nachdem sie aus dem Warschauer Ghetto entflohen waren.
    Der kleine Srulik findet liebevolle Aufnahme bei einer Kleinbäuerin Magda, deren große Söhne bei den polnischen Partisanen gegen die Nazis kämpfen. Sie lehrt ihn, sich überzeugend als katholischer Pole auszugeben. Er trägt jetzt den Namen Jurek. Lange kann er nicht bleiben. Jurek muß erneut fliehen. Drei Jahre dauert seine Odyssee durch eine Heimat, die keine mehr ist. Überall lauern deutsche Truppen, die auf der Jagd nach versteckten und flüchtigen Juden sind. Jurek wandert von einem Bauernhof zum anderen, wo er seine kleine Arbeitskraft gegen eine Mahlzeit verkauft. Nie bleibt er lang an einem Ort. Unsägliches Leid muß das Kind ertragen. Viele Türen werden vor ihm zugeschlagen. Viele gute Menschen helfen ihm, wohlwissend, daß er jüdischer Herkunft ist.

    Die Zwillinge Andrzej und Kamil Tkacz teilen sich vor der Kamera kongenial die Rolle von Srulik. Optisch kaum zu voneinander zu unterscheiden, haben die beiden Jungen doch recht verschiedene Charaktere. So spielt der sensible Kamil eher die emotionalen Szenen, der vitale Andrzej hat mehr die lebhaften Auftritte. Mit atemberaubendem Schauspiel verschmelzen sich die Brüder im fertigen Film sensationell zu einer einzigen vielschichtigen Figur.
    Bei Horrorfilmen wird es gern kritisiert, wenn darin plumpe Gewalt gegen Kinder gezeigt wird, gleichwohl doch ganz klar ist, daß es sich um überzogene Fiktion handelt. Wie kann man nur ein Kind in so einem Film mitspielen lassen, lautet da die empörte Frage mancher Zeitgenossen. Historische Darstellungen mit authentischem Hintergrund zeigen doch oft eine viel brutalere Gewalt gegen Kinder, und da regt sich niemand auf. Kinderschauspieler in solchen Rollen sind in jedem Fall hochintelligente kleine Profis, die mit ihren Parts souverän umgehen. Sorgen braucht man sich da nicht zu machen. Viel schlimmer wäre es, wenn Kinderrollen im Filmgeschäft ausgelassen würden, sobald gefährliche Inhalte vorkommen.
    Die Qualen des kleinen Jungen inszeniert Regisseur Pepe Danquart mit ruhiger Hand. Es entstehen Bilder von eigenartiger Ästhetik. Andrzej und Kamil Tkacz treffen den Zuschauer mitten ins Herz. Wie ein schützender Schirm liegt der unbeugsame Überlebenswille auf jedem Schmerz. Es ist nicht der Blick zurück auf seine Herkunft oder gar den diffusen Glauben, der dem Kind die Kraft gibt. Es ist manchmal die Hoffnung in eine bessere Zukunft nach dem Sieg von Partisanen und Sowjets. Meistens aber ist nur der nächste Tag die Aussicht, für die es sich durchzuhalten lohnt. Seltene Momente entspannten Kindseins in der Natur oder beim Spielen mit Gleichaltrigen durchbrechen den Leidensweg. Die urige Landschaft der Wälder entführt den Zuschauer in eine Welt, die so fern wirkt wie das bösartige Geschehen von Krieg, Besatzung und Judenverfolgung im Europa jener Jahre.
    Danquart erzählt die Geschichte nicht chronologisch. Die Ereignisse von Sommer '42 bis Frühjahr '45 blenden in ungeordneter Abfolge episodenhaft ineinander über. Bei Kriegsende hat Jurek nichts als sein nacktes Leben, sogar eine Hand hat er verloren. Bei einer Bauernfamilie im Osten hat der Junge ein neues Zuhause gefunden. Alles scheint gut zu werden, da kreuzt ein Herr von einem jüdischen Komitee auf und holt das Kind gewaltsam vom Hof. Jurek soll plötzlich wieder Srulik sein, und er soll seiner ethnischen Volksgemeinschaft zugeführt werden...

    Für die überlebenden Juden waren nach dem Holocaust die geretteten Kinder von besonderer Bedeutung, denn nur durch den Nachwuchs konnte ihre fast ausgelöschte Gemeinschaft und ihre Kultur sich wieder erholen. Dem übergeordneten Motiv steht das persönliche Interesse des Einzelnen gegenüber. Identität im Sinne einer Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe oder einem Kulturkreis ist zweifelsfrei enorm wichtig für die Verortung der Persönlichkeit innerhalb des sozialen Umfelds. Die Identität, in die ein Menschenkind willkürlich hineingeboren wird, muß aber nicht zwangsläufig lebenslang die Parameter seiner Lebensführung bestimmen. Sind Kriege neben wirtschaftlichen Interessen nicht immer nur eine Konsequenz aus der Abgrenzung von Völkern gegeneinander gewesen? Das Schweigen der Waffen beendete den 2. Weltkrieg nicht wirklich, denn die ethnische Säuberung vieler Gebiete in Form von Vertreibung, Annexion, Zwangsumbürgerung und Verschleppung im Zuge der Ziehung neuer Staatsgrenzen schrieb jenen Zustand der Einteilung der Menschen in Volksgruppen fort, der zuvor der Auslöser des Krieges gewesen war. Die Idee, daß alle Menschen unabhängig von ihrer ethnischen und religiösen Ausrichtung friedlich zusammenleben könnten, war Europa nach dem furchtbaren Krieg so fremd wie nie.
    An der Geschichte von Srulik zeigt sich die besondere Hostilität, mit der die überlebenden Juden sich aggressiv von den europäischen Nationen separierten. Nach dem ganzen unermeßlichen Elend, das der Junge nur wegen seines jüdischen Ursprungs unter dem Nazi-Terror durchmachen mußte, findet er einen neuen Lebensanfang bei einer katholischen polnischen Familie, die ihn fraglos so annimmt, wie er ist: als ein herzliches Menschenkind. Gewiß muß er etwas von der Kultur seines neuen sozialen Umfelds zumindest äußerlich übernehmen, das wesentliche aber ist, daß er als Jurek eine gesicherte Existenz und eine Zukunft in einer Familie hat, wo er sich geborgen fühlt. Legitimiert allein seine ethnisch-religiöse Herkunft es, daß man den Jungen aus dem neu gewonnenen Glück herausreißt und ihn in die Vergangenheit zurückwirft?
    Inspiriert ist der Film von wahren Schicksalen jüdischer Kinder in Polen, wie es der Autor Uri Orlev zu einem Roman verarbeitet hatte. Auf den Schlußteil, die Wiederfindung der jüdischen Identität, die Rückverwandlung des Jurek in Srulik, legt Regisseur Pepe Danquart besonderen Wert. Gerade das ist der bereits ausgeführte Kritikpunkt. Ist das für ein Kind, das in existentieller Gefahr einen schweren Identitätswandel bewerkstelligt und in ein neues Leben gefunden hat, wirklich notwendig, noch einmal alles aufzubrechen? Bei diesem Vorgehen regiert allein das kollektive Eigeninteresse der betreffenden Volksgemeinschaft. Das Wohl der Gemeinschaft wird über das Wohl des Individuums gestellt. Dem kleinen Srulik wird ein glückliches Leben als polnischer Jurek nicht zugestanden, weil die jüdische Gemeinschaft einen regelrechten Besitzanspruch auf jedes ihrer verwaisten Kinder erhebt und das im Gang der Historie auch durchsetzt. Man kann argumentieren, die in Krieg und Holocaust entwurzelten jüdischen Kinder haben ein Recht, die Kultur ihrer Vorfahren kennenzulernen, um bei Zeiten später selbst über ihre Zugehörigkeit zur einen oder anderen Kultur entscheiden zu können. Eine ernstzunehmende Entscheidungsfreiheit hatten wohl die meisten Betroffenen damals bei der massiven ideologischen Indoktrination, der sie in der Obhut jüdischer Hilfsprogramme ausgesetzt waren, nicht. Eindrücklich zeigt genau das die Doku-Fiction "Die Kinder von Blankenese".
    Jenseits des fragwürdigen Ausgangs ist "Lauf Junge Lauf" ein bitteres, schmerzhaft berührendes Kriegskinderdrama ganz ohne einseitige Schuldzuweisungen und ohne überproportionale Ritualisierung. Die filmische Aufbereitung von Ereignissen aus dem Zweiten Weltkrieg im noch immer emotional aufgeladenen Spannungsfeld von Deutschen, Polen und Juden ist eine schwierige Herausforderung mit hoher Verantwortung. Pepe Danquart und sein Team sind hier mit historischem Klarblick an die Sache herangegangen und haben alle Seiten in die Produktion einbezogen. Es entstand ein facettenreiches Abbild der Verhältnisse, die deutlich vielschichtiger waren, als es das bipolare Denken der nationalistischen Ideologen stets kolportiert. Es ist Zeit geworden für eine differenziertere Aufarbeitung der Geschichte. Im Zentrum der Analyse steht hier Polen als Handlungsort. Dort waren offizielle Stellen gegenüber einer deutschen Filmproduktion über die Rolle der Polen im Zweiten Weltkrieg distanziert. Dennoch, oder gerade weil Danquart mit der Verteilung unterschiedlicher Loyalitäten innerhalb der polnischen Bevölkerung reüssiert, leistet sein Film einen Beitrag zur Aufklärung. Nicht zuletzt die Beratung durch den Zeitzeugen Yoram Fridman, der damals als Kind eine ähnliche Geschichte erlebt hatte und zum Vorbild für die Romanfigur geworden war, trug dazu bei, daß "Lauf Junge Lauf" bei den Polen zwischen Kollaborateuren, Widerständlern und Duckmäusern unterscheidet.
    Etwas dürftig entwickelt ist der innere Konflikt, in den Srulik beim äußerlichen Wechsel von der einen zur anderen Religion kommt. So richtig findet eine Auseinandersetzung darüber nicht statt. Vielleicht ein Indiz dafür, daß es in der Tat für einen Achtjährigen nicht von so weltbewegender Relevanz ist, ob er jüdisch oder christlich oder atheistisch ist. Zum Teufel mit der verdammten Religion, zum Teufel mit dem völkischen Gehabe von Juden, Deutschen, Polen und als was auch immer sie sich jeweils definieren, nur um einander deswegen die Köpfe wegzublasen. Buch und Film in diesem Sinne folgerichtig als Plädoyer für die Abschaffung von Religion und ethnischem Nationalismus zu interpretieren, würde sicherlich in der Öffentlichkeit einen Aufschrei verständnisloser Entrüstung auslösen. Aber ein Film muß es ertragen, wenn er Zuschauer und Rezensenten zu eigenen freien Gedanken und Schlußfolgerungen inspiriert. Der tapfere Protagonist Srulik jedenfalls, und mit ihm alle Kinder, die in vergangenen und gegenwärtigen Kriegen ein ähnliches trauriges Schicksal teilen, hätten es verdient, in eine Welt ohne religiöse, rassistische und nationalistische Zwietracht geboren zu werden. (Pino DiNocchio)


    694441 DE
    Tonspur: Deutsch / Polnisch
    Untertitel: D
    Länge: 103 Min.
    Bild: 16:9 Widescreen 1:2.35
    Extras: Making of, Bildergalerie
    - minus - Covermotiv mit Zensurzeichen überdruckt


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